Stimmen von

Premiere: Ferdinand von Schirach, Terror am 18. Oktober 2015 Düsseldorfer Schauspielhaus

Mit seiner Autorenlesung „Die Würde des Menschen ist antastbar“ und einer, aus dem Stegreif improvisierten Zuschauerabstimmung überzeugte uns F.v.S. bereits im Herbst 2014, sein ein Jahr später uraufgeführtes Stück TERROR in den Spielplan zu nehmen.

Es wurde ein Theaterereignis der außergewöhnlichen Art.

Wir Theaterleute wünschen doch immer ein Forum der Demokratie sein zu können. Mit TERROR gelingt das großartig, denn ausnahmslos alle können sich dem Sog des Verfahrens nicht entziehen. Gegen alle Tendenzen des performativen Theaters gewann TERROR im gesellschaftlichen Diskurs außerordentliche Relevanz.

Der dramaturgische Kniff, die Zuschauer als Schöffen an der Urteilsfindung zu beteiligen, ist genial. In den Pausen des Stückes wurde erbittert diskutiert und gerungen, wie bei der Hammelsprung-Abstimmung gewählt werden sollte. Selbst nach der Vorstellung gehen im Foyer die Diskussionen darüber weiter ob richtig oder falsch abgestimmt worden war. Theater war – endlich mal wieder – Erregung und emotionale und intellektuelle Auseinandersetzung.

Endlich fand wirkliche Partizipation des Publikums statt: Diskussionen, die sich aber nicht nur um Freispruch oder Schuldig drehten, sondern darüber hinaus auch darum, inwieweit bestimmte Besetzungen von Staatsanwalt, Verteidiger und Angeklagtem die Urteilsfindung beeinflussen können, wie schauspielerische Überzeugungskraft das Abstimmungsverhalten des Schöffen-Publikums auch „manipulieren“ kann und wie dadurch Theater grundsätzlich Wirkung gewinnt.

Die Frage, darf Leben gegen Leben abgewogen werden oder ist die Würde des Menschen doch antastbar, wurde nicht juristisch-theoretisch von Thesenträgern als dürres Gerichtstheater nur vorgetragen, sondern unmittelbar erlebbar durch die großartigen, differenzierenden Schauspieler (Nicole Heesters, Andreas Grothgar, Moritz von Treuenfels und Wolfgang Reinbacher), die in genauen Rollenprofilen die Personen so erfahrbar machten und überzeugten, dass das Publikum zu Schöffenrichtern werden konnte.

Der Abend entfaltet– bei jeder der bisher mehr als 82!!!!! Vorstellungen – atemlose Spannung und engagierte Abstimmungsteilhabe.

So rundet sich das regionale Theaterglück für das Publikum und uns inzwischen auch zu einem internationalen Theaterereignis, das die wohl einmalige Zuschauerzahl von nun einer halben Million erreicht und beweist, wie kraftvoll und spannend Theater wieder sein kann und welche Lust und Neugier auf Teilhabe dieser Art unsere Besucher sich wünschen.

Mit dankbaren Grüßen an den Autor und das Ensemble

Günther Beelitz, Generalintendant bis 31. Juli 2016 (Düsseldorfer Schauspielhaus)


Ferdinand von Schirach hat das Stück der Stunde geschrieben.

Das Stück einer Stunde, die am 11. September 2001 ihren Anfang nahm und deren Ticken wir seit 15 Jahren immer deutlicher vernehmen, ohne dass diese Stunde abläuft. Das Nicht-Enden-Wollen ist ihr Schrecken, der uns in Atem hält - bis uns fast die Sinne schwinden.

Der Terror des NS-Regimes wurde auch durch ein Notstandsgesetz - nämlich dem Ermächtigungsgesetz - ermöglicht. Naturgemäß waren also die Bürger der jungen Bundesrepublik hellhörig, als nach dem Grundgesetz von 1949 ein Notstandsgesetz erlassen werden sollte. Dieses Gesetz sollte vor allem dazu dienen, das Grundgesetz, die Verfassung der jungen Demokratie zu schützen. So sensibilisiert war der gerade befreite Bürger, dass er hinter diesem Schritt Arges vermutete: Sollte doch dieses Notstandsgesetz in dem schlimmsten aller Fälle die Grundrechte einschränken, um im Notfall die Regierbarkeit des Staates zu erhalten oder wiederherzustellen. Wie schnell durch die Einschränkung dieser Grundrechte politisches und humanitäres Unheil aufziehen konnten, war noch gegenwärtig: Die Abschaffung oder Einschränkung des Briefgeheimnisses und des Fernmeldegeheimnisses, die Beschneidung des Rechts auf Freizügigkeit, also das Recht, sich innerhalb des Staates frei zu bewegen, den Aufenthaltsort frei zu wählen und das Land zu verlassen und zurückzukehren oder die Beschneidung des Rechtes auf freie Berufswahl sind keine Kleinigkeit. Zudem legitimiert ein solches Notstandsgesetz den Einsatz der Bundeswehr im Innern. Das schien und scheint ebenso bedenklich, wie der nicht näher definierte Spannungsfall, der neben dem Katastrophen- und Verteidigungsfall oder dem Bürgerkrieg als möglicher Auslöser für die Ausführung eines solchen Notstandsgesetzes gesehen wurde. In den sechziger Jahren war es dann so weit: Die Notstandsgesetze wurden verabschiedet. Gegen die Stimmen der FDP, die seinerzeit geschlossen gegen solche Grundgesetzänderungen stimmte.

SCHUTZ VOR STAATLICHEN ÜBERGRIFFEN

Wie rapide gegenwärtig die Grundrechte aufgehoben oder eingeschränkt werden können, sehen wir an den jüngsten Vorgängen in der Türkei oder im nahen Frankreich.

Die Grande Nation, die am 26. August 1789 die Menschen und Bürgerrechte in der Nationalversammlung erklärte, sucht derzeit in einem autoritären Staat ihr Heil. Dieses verwundete und verunsicherte Frankreich setzt besinnungslos seine Freiheit und die damit verbundenen Begriffe Gleichheit und Brüderlichkeit aufs Spiel – zugunsten einer gefühlten Sicherheit. Mittlerweile ist der Citoyen in Frankreich gegen Übergriffe des Staates und damit verbundene Polizeiirrtümer nur mehr bedingt geschützt. Der Schutz vor willkürlichen Festnahmen ist aber wesentlicher Bestandteil aller Grundrechte. Präsident Hollande warf alle berechtigten Zweifel an den Notstandsgesetzen über Bord und verschob die Beendigung dieses unhaltbaren Zustandes aufs Ungefähre. Unsere Verfassung beinhaltet ebenfalls diesen Schutz vor staatlichen Übergriffen. Und es erscheint angesichts der Vorgänge in der Türkei umso wichtiger, dass zum Beispiel das Brief- und Fernmeldegeheimnis gewahrt bleibt – nicht etwa, weil etwas zu verbergen wäre, sondern weil das Private nicht an die Öffentlichkeit gezerrt, verdreht und gegen einen Menschen verwendet werden darf. Im Brief- und Fernmeldegeheimnis ist der Grundstein für das Recht auf freie Meinungsäußerung gelegt.

Sicher: Unser Grundgesetz besitzt eine Ewigkeitsgarantie und sein erster Artikel lässt sich auch durch ein Notstandsgesetz nicht ändern – aber die Grundrechte des Einzelnen können im Zweifelsfalle über lange Zeit massiv schmerzhaft und demokratiegefährdend eingeschränkt werden. Wer nach einer wehrhaften Demokratie ruft, ruft auch meist nach einer Exekutive, die ohne Einschränkung operieren soll. Die Abschaffung einer Burka zum Beispiel trägt objektiv ebenso wenig zu unserer Sicherheit bei, wie die Abschaffung der Religionsfreiheit und Meinungsfreiheit.

NACH-, VOR- UND MITDENKEN

Als der Intendant des Mainfranken Theaters Markus Trabusch vorschlug, dieses Stück aus dem Theater herauszulösen und als Labor für Ferdinand von Schirachs Gedankenexperiment, den Ratssaal der Stadt zu wählen, gab es von mir keinen Widerspruch. Im Gegenteil: In dem Stück geht es nicht um das Nachspielen einer Tat vor Gericht, also um eine „Gerichtsverhandlung“, sondern vielmehr um unsere freiheitlich- demokratische Grundordnung. Wo wäre unser Nach-, Vor- und Mitdenken besser aufgehoben als im Ratssaal der Stadt, in dem sich die kommunale Entscheidungsfindung unmittelbar nachempfinden lässt.

Ferdinand von Schirach macht das Publikum zu Schöffen. Und er lässt diesen Schöffen nur die Wahl zwischen „schuldig“ und „nicht schuldig“. Ihm das vorzuwerfen ist so kurzsichtig wie Schiller vorzuwerfen, dass seine Maria Stuart sich nicht an historische Vorgaben hält. Schirach hat ein gewichtiges Argument für die gewählte Form in den Raum gestellt: Dadurch, dass das Publikum am Ende ein Urteil abgeben soll, ist es gezwungen das brisante Stück aufmerksamst zu verfolgen. Und letztlich scheint mir das Gespräch über ein mögliches Urteil so wichtig wie das „Urteil“ selbst. Dass hier zwei Urteile, nämlich Freispruch und Schuldspruch, möglich sind und Bestand haben, hat nichts damit zu tun, dass sich der Autor (bewusst) selbst widerlegt: Er verweist recht eigentlich auf den von Dr. Sven Thomas in diesem Programmheft angesprochenen Unwillen der Politik und der hohen Gerichte, eine Entscheidung zu fällen. Schirach ist ein Idealist, der mit seinen Romanen, Erzählungen und Essays und nun mit diesem Theaterstück für uns immer wieder den Finger in die Wunde legt. Er ist auf der Suche nach dem idealen Gericht, dem idealen Staatsanwalt und dem idealen Richter. Größe entwickeln seine Texte – wie dieser Theatertext – dadurch, dass Schirach seine Täter nicht denunziert oder verunglimpft, sondern von allen Seiten befragt. Die Figuren tragen stellvertretend für uns einen Konflikt aus, für den es keine Lösung geben kann.

MENSCHLICHES MASS

Der Auftritt der Nebenklägerin scheint mir keineswegs überflüssig. Ihr Erscheinen reduziert den in der Verhandlung vorangegangenen Diskurs auf ein menschliches Maß. Ferdinand von Schirach bezieht sich auf den Aufklärer Kant – und es verstärkt sich bei längerem Hindenken der Verdacht, dass es eine neue Aufklärung braucht, damit wir in unserer Besinnungslosigkeit nicht weiterhin unsere Freiheit aufs Spiel setzen.

Welche ungeheure Wirkung ein Freispruch in der Realität als Präzedenzfall nach sich ziehen würde, ist gerade in der aktuellen Debatte um computergesteuerte Automobile deutlich geworden: Das im Fall angesprochene „kleinere Übel“ würde hier einem Computer auferlegen, zu entscheiden, wer verunfallt und wer nicht: Ist dann der Tod eines erwachsenen Menschen, vielleicht eines Pensionisten oder einer Rentnerin hinnehmbarer, als der Tod eines jungen Menschen? Ist das Leben einer prominenten Person – vielleicht der Queen – schützenswerter als das eines unbekannten Altenpflegers?

Ferdinand von Schirach hat einen Band mit Essays veröffentlicht. Der Titel ist eine Aussage über unsere Wirklichkeit: „Die Würde des Menschen ist antastbar“. Hoffen wir, dass von Schirach nicht recht behält.

Dirk Diekmann, Dramaturg (Düsseldorf) und Regisseur (Würzburg), 03.10.2015, Text bearbeitet am 15.08.2018


TERROR – The Royal Danish Theatre spring 2017

The conceptual director and dramaturg of TERROR invented an extra part in the play, and that was the part of a chairman of the jury. The idea was to create a common room for reflection by opening up for a discussion in the audience about the criteria for voting yes/guilty or no/not guilty. By adding this extra moment to the play we wanted to widen the ethic and moral issues in the play and give the members of audience an chance to reconsider their individual verdict before voting. After the summing up by the preciding judge and before the voting all the actors left the court (the stage) and let the jury (the audience) have time to consider their verdicts. Here the chairman of the jury took over for 15 minutes. We put the part of the chairman of the jury into the hands of the Danish journalist and historian Christoffer Emil Bruun who invited the audience to reveal for us their individual reasons for voting.

We experienced every night a great willingness to do so from members of the audience and about 10 reflections were shared in the cause of 15 minutes.

In all we believe that by sharing the thoughts amongst the audiences we were able to strengthen one of the major themes in the play being that the rules of law in a democratic society are under a lot of pressure due to terror acts.

If this extra lawyer had something to do with the huge success of Terror at The Royal Danish Theatre we don’t know. But the fact is that 97% of the tickets were sold and we had every night a very close race between the verdict yes or no – and in four occasions the pilot was actually found guilty.

Dramaturgie, Königliches Schauspielhaus Kopenhagen


TERROR am Landgericht Ingolstadt
Wir haben die Türen des Landgerichts Ingolstadt gerne für die insgesamt 18 – stets ausverkauften – Vorstellungen des Stadttheaters Ingolstadt geöffnet und das Publikum, das Produktionsteam und die hervorragenden Schauspieler mit Freude und auch großer Neugier empfangen – eine weitere Umsetzung unseres Wahlspruchs: “Justiz ist für die Menschen da“.

Der Schwurgerichtssaal, wirklicher Ort bedeutender Prozesse gegen angeklagte Mörder, Vergewaltiger, Geiselnehmer oder Räuber, wurde erstmals zur Theaterbühne und inspirierte gleichermaßen Schauspieler und Zuschauer.

TERROR ist ein starkes Stück, hochaktuell, intellektuell fordernd, spannend und hier herausragend gespielt, es stürzte die Zuschauer in ein moralisches, ethisches Dilemma (das juristisch fein-ziseliert lösbar ist). Die lebhaften Diskussionen über Recht und Unrecht, Schuld und Unschuld hielten auch noch am Ende des Abends an, begleiteten die Zuschauer nach Hause und haben sicher die Justiz vielen Menschen nähergebracht. Wir durften Einblick nehmen in die Welt des Theaters und stellen uns einmal mehr unserer Aufgabe, den Bürgern in unseren Entscheidungen zu vermitteln, dass die Würde des Menschen unantastbar ist.

Sibylle Dworazik, Präsidentin des Landgerichts Ingolstadt


TERROR in der Schweiz und in Italien

Ho scoperto l’opera di Ferdinand von Schirach un po’ per caso, leggendo in una rivista un estratto di “Un colpo di vento”, la traduzione in italiano del suo libro d’esordio “Verbrechen”. Mi ha subito affascinato per lo stile pulito e preciso, e per la sua capacità di raccontare le vicende criminali di cui è stato privilegiato osservatore, come avvocato penalista, in maniera sensibile, profonda e mai banale. È così che quando la nostra segretaria generale, Mascia Gregori, mi ha informato di essere stata contattata dalla regista berlinese Kami Manns in relazione ad un progetto di rappresentazione teatrale in italiano dell’opera TERROR e di una eventuale collaborazione con il nostro Tribunale, sia il sottoscritto che l’allora presidente Daniel Kipfer, nonché l’attuale presidente Tito Ponti, abbiamo aderito con entusiasmo, consapevoli della serietà oltre che del meritato successo dell’opera di von Schirach.

Il processo al pilota Lars Koch espone in maniera esemplare i dilemmi fondamentali del nostro stato di diritto, ma ci interpella anzitutto come esseri umani e quindi rappresenta una preziosa occasione di dibattito civile che non poteva non essere raccolta, anche nello spirito di apertura sempre coltivato dal nostro Tribunale nel contatto con la cittadinanza, già a partire dallo straordinario successo della Giornata inaugurale delle porte aperte del 26 ottobre 2013. Il dialogo fra letteratura e diritto, fra arte e diritto, ha del resto una lunga tradizione che trova in particolare nel movimento giusletterario americano, conosciuto come “Law and Literature”, una famosa espressione che mi piace qui ricordare; ma anche senza andare così lontano si possono richiamare più recenti esperienze, come ad esempio, in Italia, la recente trasposizione teatrale da parte di Paolo Giordano, per la regia di Mauro Avogadro, dell’importante libro del magistrato penale Elvio Fassone, “Fine pena: ora”. È bello dunque sapere che il testo di Schirach è ora disponibile anche in italiano e che i dilemmi profondi, che vi trovano espressione, possano raggiungere un ancora più ampio pubblico. Un pubblico che per abile scelta dell’autore è notoriamente parte integrante della “pièce”, che diventa così anche una sorta di grande esperimento sociologico, da cui, chissà, magari trarre ulteriori studi scientifici per meglio conoscere le dinamiche con cui si formano le opinioni all’interno delle giurie popolari. Ma anche qui, non a caso, la mente corre ad un altro famoso esempio artistico, ovvero il capolavoro di Sidney Lumet, “12 Angry Man” (1957), con Henry Fonda quale attore principale, meglio conosciuto in italiano con il titolo “La parola ai giurati”. Non è solo ai giurati che von Schirach dà la parola nella sua “pièce”, ma a tutti noi, poco importa se giuristi o laici del diritto. È questo lo spirito del progetto che più mi piace e che la regista Kami Manns ha colto con finezza, non solo traducendo l’opera di von Schirach in una nuova lingua ma cercando il dialogo con noi magistrati, che diventa così un dialogo fra diritto e teatro, ma anche fra giuristi e pubblico. Pubblico che, non da ultimo, potrà assistere a tre speciali rappresentazioni proprio nell’Aula principale del Tribunale penale federale.

Roy Garré, giudice penale federale, Bellinzona (Svizzera)


Ein ungewöhnlicher Probenprozess

Würde des Menschen, Aussageverweigerungsrecht, Opferschutz: etliche Jahre habe ich in den juristischen Hörsälen der Universitäten Tübingen, München und Freiburg zugebracht, um Strafverteidiger zu werden. Wie viele meiner Kommilitoninnen und Kommilitonen habe ich mich nach meinem Examen beruflich etwas Anderem zugewandt. Geblieben ist das Interesse an unserem komplexen Rechtssystem mit seinem Versuch, Streitigkeiten friedlich zu lösen, geblieben ist der Zweifel daran aufgrund der zahllosen Unzulänglichkeiten und Ungerechtigkeiten. Geblieben ist auch die Faszination für Prozesse - daher auch mein Interesse an „Terror“. Vielleicht, weil der Autor nicht nur die realen Erfahrungen des versierten Strafverteidigers von Schirach verarbeitet, sondern uns in jedem Moment spüren lässt, wie sehr es ihm vor allem um die Grenzen unseres Rechtssystems geht, um die Punkte, in denen dieses System über die Oberfläche nicht hinauskommt, in denen es versagt. Und über seine Phantasie, dieses Rechtssystem weiterzuentwickeln.

Auch meine Kolleginnen und Kollegen in der Dramaturgie waren – obwohl ohne juristischen Hintergrund – in der gleichen Weise fasziniert. So dauerte es keine 24 Stunden – Rekord! – und wir entschieden uns, lange vor der Uraufführung, „Terror“ zu spielen. Im Großen Haus, mit über 630 Plätzen.

Es kam zu einem ungewöhnlichen Probenprozess: Gemeinsam mit den Schauspieler*Innen fuhren wir nach Wittmund, wo die im Text beschriebene Fliegerstaffel beheimatet ist und wo wir im direkten Gespräch die Gedanken und Probleme der Piloten vor Ort zu hören bekamen. Gemeinsam mit den Schauspieler*Innen verfolgten wir Prozesse am Landgericht, bei welchem vor allem der objektive und fernsehfremde Duktus der Jurist*innen für die Inszenierung prägend wurde.

Und es kam zu ungewöhnlichen Vorstellungen: Vorstellungen im Oberlandesgericht. Vorstellungen für Jurist*innen. Vorstellungen für Soldat*innen. Vor allem aber gibt und gab es zahllose Vorstellungen für unser Publikum. Das seinen Job als Schöff*innen verdammt ernst nimmt. Sich während der Schlussplädoyers mit seiner Meinung lautstark zu Wort meldet. Bei der Abstimmung am Ende sofort applaudiert, wenn es merkt, die anderen Schöff*innen haben in ihrem Sinne entschieden. Auch nach dem Schlussvorhang gehen die Diskussionen im Foyer bis tief in die Nacht weiter. Es war und ist – in diesem Sinne – ein großes Vergnügen, „Terror“ zu spielen. Auch in der Zukunft. In der Spielzeit 2019/20 in der dann fünften Spielzeit.

Peter Hailer, für das Schauspiel des Oldenburgischen Staatstheaters


TERROR als Diskursmotor

Das Theater Vorpommern gehörte zu den ersten Theatern in Deutschland, die das Debüt-Stück von Ferdinand von Schirach zur Aufführung brachten. In der Spielzeit 2015/2016 inszenierte es André Rößler für uns in einer Ausstattung von Simone Steinhorst. Die Premieren an den großen Häusern des Theaters Vorpommerns fanden am 29. April 2016 in Stralsund (Großes Haus) und am 21. Mai 2016 in Greifswald (Großes Haus) statt.

Eine Besonderheit unserer Inszenierung stellte sicherlich die Möglichkeit für die Zuschauer dar, nach Aufforderung durch den Staatsanwalt die Zeugen auch direkt zu dem Fall befragen zu dürfen. Hiervon wurde zunehmend, teilweise gut vorbereitet, Gebrauch gemacht. Es war auffällig, dass besonders viele junge Menschen das Stück sahen – und die direkte Kommunikation mit den Schauspielern genossen. Ich hatte den Eindruck, dass Dozenten der juristischen Fakultät der Uni Greifswald mit ihren Studierenden ins Theater kamen, um sich dieses „Lehrstück“ einer Gerichtsverhandlung anzuschauen. Vor der Stimmabgabe mussten die Zuschauer den Saal verlassen und dann jeweils durch „Schuldig-“ oder „Unschuldig-“ Türen den Saal wieder betreten. Die kleine Pause wurde zu sehr lebhaften Diskussionen genutzt. Noch nie habe ich Zuschauer während eines Theaterstückes so heiß debattieren sehen wie bei TERROR.

Auch in den Nachgesprächen zeigte sich das brennende Bedürfnis zum öffentlichen Austausch. Zu ausgewählten Vorstellungsterminen boten wir Einführungen und Nachgespräche an, die in der Regel durch mich geleitet wurden. So fand etwa am 11. Juni 2016 ein Nachgespräch mit Hannelore Kohl, Präsidentin des Verfassungsgerichts Mecklenburg-Vorpommern, Prof. Dr. Wolfgang Joecks, Inhaber des Lehrstuhls für Strafrecht an der Uni Greifswald sowie der Rechtsanwältin Verina Speckin statt. Einige Monate später organisierten wir in Stralsund ein Nachgespräch mit Prof. Dr. Michael Sauthoff, dem Präsidenten des Oberverwaltungsgerichts und des Finanzgerichts Mecklenburg-Vorpommern. Da alle unsere Vorstellungen mit einem Freispruch endeten, war es mir wichtig, neben dem subjektiven Rechtsempfinden der Zuschauer die tatsächliche Rechtslage zu erörtern. Dass dabei der hohe Wert der Menschenwürde und der skrupulöse Umgang des deutschen Staates mit einem solchen Tötungsbefehl noch einmal erläutert wird, scheint mir auch heute noch dringend geboten. TERROR half so, den Diskurs über die Verfasstheit unserer Gesellschaft und über die Regeln unseres Zusammenlebens neu und leidenschaftlich zu entfachen. Ein Diskurs, den die Theater als Orte der Partizipation und Meinungsbildung, als Ort gelebter Demokratie immer offensiver bereit sind zu führen.

Dr. Sascha Löschner, Chefdramaturg des Theater Vorpommern


Ungewöhnlicher Kontakt

Zwei Dinge haben bei mir als Dramaturgin der Produktion >Terror< einen bleibenden Eindruck hinterlassen: zum einen die Öffentlichkeitswirkung. Es gab ein relativ großes Medieninteresse an unserer Inszenierung und gleichzeitig haben sich auch die Tagesereignisse in den Abstimmungsergebnissen niedergeschlagen: nach den Anschlägen in Paris bspw. stieg die Anzahl der Personen, die für Freispruch stimmten, kontinuierlich... Dann gab es hitzige Diskussionen der Zuschauer beim Rausgehen: gespaltene Ehepaare, bei denen die Frau mit >Freispruch< und der Mann mit >Schuldig< abgestimmt hatte; Juristen, die Verfahrensfehler nachweisen wollten; Besucher, die im Nachgespräch ihre Abstimmungsentscheidung nur zögerlich oder gar nicht offen legen wollten, weil ihre Begleitgruppe in der Mehrzahl anderer Meinung war – ein sehr einprägsames Erlebnis, wie sozialer Druck funktioniert. Und zu guter Letzt Ereignisse wie eine Gruppe Friedensaktivisten, die plötzlich mit Flyern zur Abrüstung im Foyer standen und sich Gehör bei unserem Publikum verschaffen wollten.

Irritiert waren die Schauspieler davon, dass immer wieder die Befürworter des jeweiligen Ergebnisses bei der Verlesung des Urteils geklatscht haben. Es kam ihnen vor, als würden die Applaudierenden sich als Teilnehmer einer Quizshow verstehen, die die richtige Antwort gegeben haben und sich selbst in ihrer Meinung noch einmal bestätigen, bevor sie dann als Sieger vom Platz gehen. Die oftmals kleinere Gruppe der mit >Verurteilung< abgestimmten Zuschauer blieb währenddessen oftmals noch im Foyer stehen, weil sie die Meinung der >breiten Masse< nicht verstehen konnte und mit uns diskutieren wollte.

Zum anderen hat Ferdinand von Schirach einen sehr ungewöhnlichen Kontakt zwischen zwei Institutionen gestiftet: dem Theater und der Luftwaffe. Zur Vorbereitung sind wir mit den Schauspielern zum Taktischen Luftwaffengeschwader 31 Boelcke im nahe gelegenen Nörvenich gefahren und haben uns mit Eurofighter-Piloten unterhalten.

Da saßen sich erstmal zwei Welten gegenüber (aber immerhin mit derselben Verfassung als gemeinsamen Nenner...) Es flimmerte um das Treffen von beiden Seiten ein fasziniertes Interesse für die jeweils andere Arbeitswelt und alle waren während des Besuchs immer wieder mal etwas freudig verdutzt, dass man tatsächlich gerade miteinander zu tun hat. Wir haben viele Anfängerfragen gestellt, die gleichbleibend sachlich, freundlich und präzise beantwortet wurden – bis hin zu einer Power-Point-Präsentation für unsere Kostümabteilung, wie die Uniformen genau auszusehen haben (am Schluss waren die Haare der männlichen Kollegen wegen anderer Spielverpflichtungen aber immer noch viel zu lang, um glaubhaft beim Militär zu arbeiten…). Die Nüchternheit und das Verantwortungsbewusstsein unserer Gesprächspartner haben uns durchweg Respekt abverlangt. Und doch hat man bei jeder Sprachregelung, jedem Sicherheitshinweis oder auch bei jeder zu flapsigen oder zu entwaffnend direkten Bemerkung zu spüren bekommen, was einen trennt und vor allem, wo die Grenze der Fragestunde ist: nämlich einen aktiven Eurofighter-Piloten zu fragen, was er tun würde in so einem Fall.

Gesa Lolling, Dramaturgin, Theater Aachen

Schauspieler und Eurofighter v.l.n.r.: Eurofighter-Techniker, Dramaturgin Gesa Lolling, Lars-Koch-Darsteller Simon Rußig, Eurofighter-Pilot, Regisseurin Elina Finkel, Christian-Lauterbach-Darsteller Markus Weickert, Controller (Flugsicherung). Foto: Fliegerhorst Nörvenich  


Arbeit an der eigenen Vernunft

Eine konstruktive Auseinandersetzung mit dem Thema Terrorismus empfinde ich für unsere Gesellschaft als grundwichtig. Wir müssen uns mit Fragestellungen, Notwendigkeiten, Bedürfnissen, Verständlich- und Grausamkeiten flexibel und offen auseinandersetzen.

Die Auseinandersetzung muss in Gang gebracht und gepflegt werden, um voreiligen Urteilen den Grund und Boden zu entziehen, um neue konstruktive Perspektiven aufzuzeigen und um die großen Werte, Rechte und Pflichten immer wieder in den Fokus der Aufmerksamkeit zu ziehen und entsprechend zu gewichten.

Das Stück TERROR bezieht Darstellende wie Zuschauer in einen gewaltigen Denk- und Reflektionsprozess mit ein. Man kommt nicht umhin, sich den unterschiedlichen Argumenten und Sichtweisen hinzugeben und eine erstaunliche Arbeit an der eigenen Vernunft einerseits und der Emotionalität andererseits zu leisten - und so im besten Fall ein stückweit eine Entwicklung an sich zuzulassen.

Als europäische Künstlerin mit chinesisch-deutschen Wurzeln bin ich in unterschiedlichen Ländern unseres Kontinents tätig und setze mich mit dieser Arbeit für eine dynamische und konstruktive Entwicklung unserer Gesellschaft ein.

Ich freue mich auf den Dialog mit unseren Zuschauern und die Zusammenarbeit mit Künstlern unseres Teams, die aus unterschiedlichen Ländern (CH, D, PL, IT, FR) unseres Kontinents und unserer Wertegemeinschaft stammen.

Kami Wilhelmina Manns, Regisseurin (Italien)


Sobre la obra TERROR en Caracas, Venezuela (junio a diciembre de 2016)

Una de las experiencias más vivas en mis 35 años de carrera teatral ha sido sin duda el montaje de la obra TERROR de Ferdinand von Schirach. Venezuela es un país donde más del 95 % de los crímenes quedan impunes. No son llevados a juicio. Es un país con una enorme desconfianza en sus instituciones públicas.

En ese sentido es un país que no cree en sí mismo. No cree que el estado podrá darle solución a ninguna de sus necesidades. Incluso eso nos llevó a invitar noche tras noche a dos espectadores a ser testigos del conteo de los votos, de no haberlo hecho el público muy probablemente no hubiese dado como cierta la sentencia final.

En un país con estas lamentables características tener frente a tus ojos como espectador-juez una ficción que retrata como debería funcionar el proceso judicial fue una las razones por las que tuvimos una extraordinaria acogida por parte del público. El descubrimiento por parte del público del enorme poder sanador de la sociedad que tiene la justicia era sin duda conmovedor. Noche tras noche los espectadores nos esperaban al final de la función para seguir debatiendo lo que acababan de ver. Pocas obras se van tan vivamente dentro de la cabeza del espectador como Terror. En el momento de la votación eran diarias las discusiones entre los espectadores. Muchas veces al anunciar el resultado unos aplaudían mientras los otros abandonaban la sala gritando su descontento.

Me conmovió muy particularmente el testimonio de una amiga que discutía con su compañera sus razones para votar Culpable y de pronto otra espectadora que escuchaba desde la fila delantera se volteó con los ojos húmedos y le dijo, si usted hubiese perdido un familiar como lo perdí yo en el atentado del 11 de septiembre en New York, votaría Inocente, habría agradecido que el piloto derribara el avión secuestrado. Así podría escribir innumerables anécdotas sobre esta experiencia fascinante que fue haber montado Terror y estoy particularmente agradecido de haber hecho un teatro tan vivo y necesario en tiempos como estos. La cultura tiene muchas razones para existir y una de ellas es pellizcarle las nalgas a la sociedad, Terror en Venezuela fue un pellizco contundente desde el escenario.

Caracas, 27 de septiembre de 2018
Héctor Manrique

TERROR in Venezuela
Eine der lebendigsten Erfahrungen in meiner 35-jährigen Theaterlaufbahn war ohne Zweifel die Inszenierung des Stücks TERROR von Ferdinand von Schirach. Venezuela ist ein Land, in dem mehr als 95 % aller Verbrechen ungesühnt bleiben. Sie kommen nicht vor Gericht. Es ist ein Land mit einem riesigen Misstrauen gegenüber seinen öffentlichen Institutionen.

In diesem Sinne ist Venezuela auch ein Land, das nicht an sich selbst glaubt. Es glaubt nicht, dass der Staat für irgendeine seiner Notwendigkeiten eine Lösung finden kann. Das hat uns bei den Aufführungen des Stücks TERROR sogar dazu geführt, dass wir Abend für Abend zwei Zuschauer gebeten haben, als Zeugen bei der Auszählung der Stimmen dabei zu sein. Dies nicht zu tun hätte wahrscheinlich bedeutet, dass das Publikum das verkündete Ergebnis für eine Fälschung gehalten hätte.

Wenn man in einem Land mit diesen traurigen Eigenschaften als Zuschauer-Schöffe einem frei erfundenen Theaterstück beiwohnt, das zeigt, wir ein Gerichtsverfahren eigentlich ablaufen müsste, dann versteht man die Gründe, weshalb dieses Stück solch eine außergewöhnliche Aufnahme beim Publikum gefunden hat. Die Entdeckung der enormen Heilkraft, die eine korrekt angewandte Justiz auf die Gesellschaft ausüben kann, war ohne Zweifel sehr ergreifend, ja erschütternd. Abend für Abend warteten die Zuschauer am Ende jeder Aufführung auf uns, um über das zu diskutieren, was sie gerade miterlebt hatten. Nur wenige Theaterstücke dringen so lebendig in den Kopf des Zuschauers ein wie TERROR. Im Moment der Abstimmung gab es täglich heftige Diskussionen zwischen den Zuschauern. Bei der Bekanntgabe des Ergebnisses war es häufig so, dass einige applaudierten, während die anderen laut schreiend ihrer Unzufriedenheit Ausdruck verliehen und den Saal verließen. Mich bewegte besonders das Zeugnis einer Freundin, die mit ihrer Begleiterin über die Gründe diskutierte, weshalb sie für „schuldig“ gestimmt hatte, und plötzlich drehte sich eine Zuschauerin in der Sitzreihe davor um und sagte ihr mit feuchten Augen: „Wenn Sie einen Familienangehörigen verloren hätten, so wie ich beim Attentat am 11. September in New York, würde Sie „unschuldig“ stimmen und hätten dem Piloten dafür gedankt, dass er das entführte Flugzeug abgeschossen hat.“ Ich könnte unzählige weitere Anekdoten über diese faszinierende Erfahrung erzählen, TERROR inszeniert zu haben, und ich bin besonders dankbar, dass ich in Zeiten wie diesen ein so lebendiges und so notwendiges Theater machen durfte. Die Kultur hat viele Gründe, die ihre Existenzberechtigung untermauern, und einer davon ist, der Gesellschaft in den Hintern zu zwicken. TERROR in Venezuela war ein besonders heftiges Zwicken, von der Bühne aus.

Héctor Manrique, Regisseur von TERROR in Caracas (Venezuela), 27.09.2018


Humanismus oder Barbarei

Mit dem Stück TERROR hat uns der Strafverteidiger von Schirach in die Tiefen unserer eigenen Entscheidungsabhängigkeit geführt: was sind wir? Moralisten, Gefühlsmenschen, Rechtspositivisten oder einfach abhängig vom Alltagsgefühl was Gerechtigkeit sein könnte. Der Strafprozess als letzte Instanz, als die letzte Bühne, die darüber befindet was gut und was schlecht ist, kann leider bis heute das Jüngste Gericht nicht ersetzen: wir können alle strampeln und uns winden, wir kommen nicht heraus: Die Strafe hat den Zweck, den zu bessern welcher straft. Und die alte Frage wann es gut ist, wird erst beendet sein, wenn die Frage beantwortet ist: Humanismus oder Barbarei. Im Moment sind wir dem Terror näher, also auf: streiten kämpfen, es gibt keine humane Alternative zur Demokratie.

Prof. Dr. Dr. Christoph Nix, Strafverteidiger und Intendant (Theater Konstanz)


Neue Ernsthaftigkeit

TERROR verdankt seinen enormen erfolg nicht zuletzt einem dramaturgischen taschenspielertrick des neu-dramatikers von schirach: die moralische publikums-entscheidung in jeder vorstellung. wie macht man das am besten – davor steht jede neue inszenierung des stücks. uns erschien der dem gehalt nach richtigste weg, das publikum per sender persönlich und also vor allem auch geheim abstimmen zu lassen. so kann man sicher sein, dass niemand seine meinung ändert, weil er nicht mit der mehrheit/der minderheit gehen (oder dagegen gehen) will, sondern wirklich individuell auf sein „gewissen“ geworfen ist, nicht wisssend wie das urteil ausfällt.

wirklich überraschend bei allen über 50 ausverkauften vorstellungen war für mich nicht das ergebnis – nur einmal verurteilt! – sondern wie ungeheuer wichtig die leute diesen abstimmungs-vorgang genommen haben.

ferdinand v. schirach hat da dem theater plötzlich eine neue ernsthaftigkeit geschenkt.

Oliver Reese, Intendant Berliner Ensemble (Regisseur der Uraufführung von TERROR am Schauspiel Frankfurt)


Freilicht-Terror

In meiner zweiten Saison als Intendant der Burgfestspiele Mayen habe ich das Experiment gewagt, TERROR auf den Freilicht-Spielplan unserer großen Bühne zu setzen. Dabei habe ich darauf vertraut, dass es auch für uns ein Publikum gibt, das sich durch ein ernsthaftes und komplexes Thema an einem lauschigen Sommerabend nicht von einem Besuch abschrecken lässt. Als mich nach meiner Anfrage der Aufführungsrechte Verlagsleiter Bernd Schmidt zum Gespräch einlud, hat mich das sehr gefreut. Ich habe mit ihm dann die Besonderheiten einer Freilicht-Aufführung des Stücks besprochen. Es stand für mich dabei der Gedanke im Vordergrund, dass unser Zuschauerraum gleichzeitig die größte Versammlungsstätte der Stadt Mayen ist. Im Text weist Ferdinand von Schirach zu Beginn auf die alten Volksversammlungen am Thing-Platz hin. Dies war sozusagen unser dramaturgischer Anker für eine Freilicht-Aufführung. Wir haben uns dementsprechend auch keine „Gerichts-Dekoration“ ausgedacht, sondern stattdessen unsere Spielstätte – die Burg – als Ort genutzt – leere Bühne, fünf Stühle, ein Stehpult und ein rituelles Feuer. Zum Konzept gehört es, dass jede Zuschauerin und jeder Zuschauer am Eingang einen Stein bekommt, der dann in der Pause zur Abstimmung für „schuldig“ oder „nicht schuldig“ in entsprechende Urnen zu werfen war. Vor jeder Aufführung gehe ich als Intendant kurz auf die Bühne und erkläre dem Publikum, dass die Burgfestspiele den Ort für die Durchführung einer Verhandlung zur Verfügung stellen. Der Verlag stimmte diesen Ideen zu.

Auf den Proben war es dann unser Ziel, allen Positionen, die das Stück darstellt, große Glaubwürdigkeit und Überzeugungskraft zu geben. Wir haben den Text in dieser Hinsicht tatsächlich sehr ernst genommen. Denn nur, wenn alle Positionen absolut überzeugend sind, gerät das Publikum wirklich in ein Dilemma. Durch gute Kontakte zum örtlichen Bundeswehrstützpunkt wurde uns ein Besuch beim Taktischen Luftwaffengeschwader 33 in Büchel ermöglicht. Der dortige Kommandeur ist selbst früher in der Alarmrotte geflogen und stand für alle unsere Fragen zur Verfügung. Wir konnten die betreffenden Waffensysteme und Flugzeuge aus der Nähe sehen, und sie wurden uns ausführlich erklärt. Absoluter Höhepunkt unserer Recherche dort war aber dann ein Flug im Simulator. Für unseren „Angeklagten“, der im wahren Leben nicht mal einen Führerschein hat, war exakt das Szenario des Stücks vorbereitet worden. Dieses Erlebnis werden wir alle sicher nie vergessen.

Derweil lief unser Vorverkauf leider erschreckend schlecht. Da wir einen sehr viel höheren Anteil unseres Etats an der Kasse einspielen müssen als die Stadt- oder Staatstheater, macht das dann schon etwas nervös. Aber das Vertrauen in die Kraft einer hochkonzentrierten Aufführung des Stücks hat uns nicht verlassen. Und dieses Vertrauen hat sich dann tatsächlich bei der Premiere und allen folgenden Vorstellungen eingelöst. Die Aufführung brachte ein sehr junges und teilweise auch ganz neues Publikum zu uns. Das Stück wurde tatsächlich das Gesprächsthema des Sommers in der Stadt und die Verkaufszahlen gingen glücklicherweise entsprechend nach oben. Da ich auch jeden Abend gemeinsam mit unserer Requisiteurin die Steine für die Abstimmung am Eingang verteilt habe, war ich als Regisseur und Intendant für das Publikum ansprechbar. Dort wurde mir auch oft direkt bestätigt, wie sehr unsere Gäste von diesem Abend gepackt wurden. Doch von der „Steine-Verteilung“ gibt es auch Amüsantes zu berichten: Sehr häufig wurde ich mit Zitaten aus „Das Leben des Brian“ begrüßt: „Kleine Steine, große Steine, runde Steine?“ „Ich nehme einen großen flachen. Und ein Paket Kies.“ „Kann es sein, dass Weibsvolk anwesend ist?“ Und: „Er hat ‚Jehova’ gesagt!“ „Ist das der Stein der Weisen?“ – „Nein, das ist der des Anstoßes.“ Besonders reizend war: „Bekomme ich vielleicht noch einen zweiten Stein? Ich finde meinen ersten so schön und würde den gerne behalten.“ Eher beunruhigend dann: „Kann ich vielleicht für meine Freundin einen anderen Stein haben? Ihrer gefällt ihr nicht und sie rastet so schnell aus.“ Aber es gab auch einen eindeutigen Favoriten. Ungefähr jeder achte Gast fragte: „Sind die zum Werfen?“ – oft ergänzt durch „Sind die Schauspieler denn so schlecht?“ Nein. Unser Ensemble war hervorragend – und ihm gilt mein großer Dank.

Daniel Ris, Intendant der Burgfestspiele Mayen


TERROR in Japan

In Japan wurde TERROR zweimal inszeniert und aufgeführt. Einmal gab es vier Aufführungen (zweimal in Tokyo, zweimal in Hyogo) im August 2016 als Lesedrama, präsentiert von J:COM und AXN Mystery und inszeniert von Kenta Fukasaku. 2018 wurde das Stück im Januar und Februar von Parco Entertainment und Hyogo Performing Arts Center produziert, von Shintaro Mori inszeniert und insgesamt 21mal (in Tokyo, Hyogo, Nagoya, Hiroshima und Fukuoka) aufgeführt.

Wir hatten interessante Ergebnisse. Im Jahr 2016 waren alle schuldig, aber 2018 lautete das Ergebnis: 11mal Schuldig und 10mal Freispruch. Sogar bei der „Schuldig“-Aufführung, die ich miterlebt habe, waren die Stimmen 147 gegen 146. Und interessanterweise hatte die Gesamtzahl der „Freispruch“-Stimmen (4451) gegen die „Schuldig“-Stimmen (4186) die Mehrheit. Nicht zu vergessen, dass die Fernseh-Sendung von "Terror – Ihr Urteil" am 17. Juni 2017 in Japan mit „Freispruch“ ausging.

Warum wir nun in Japan solche Ergebnisse gehabt haben, ist nicht so leicht zu erklären, aber es scheint, als habe die Diskussion der Verfassungsänderung, ob wir den "Verzicht auf Krieg" (Paragraph 9) streichen sollen oder nicht, das Zuschauerurteil beeinflusst.

Die Journalistin Hiroko Yamaguchi schreibt in der Zeitung "Asahi Shinbun" am 5. April 2018 über die Aufführung von TERROR folgendermaßen: "Was mich im Theater als Versuchsanstalt beeindruckt hat, sind die Schwierigkeiten, sich mit dem Kampf gegen Terror und mit der Gefährlichkeit der Mehrheit trotz der demokratischen Verfahren zu beschäftigen. Diese Aufführung war nicht anders als die Welt, in der wir leben, und die Realität, in der die Volksabstimmung über die Änderung der Verfassung diskutiert wird."

Wichtig ist bei diesem Stück, dass die Zuschauer Schöffen werden und am Schluss urteilen. Wir haben zwar auch in Japan ein Laienrichtersystem, dies aber erst seit 2009. (siehe Wikipedia. https://de.wikipedia.org/wiki/Saiban-in_Seido). Es hat bei uns noch keine Tradition. Bei der Inszenierung fängt schon damit eine Schwierigkeit an. Der Regisseur Shintaro Mori schreibt im Programmheft: "Selbst wenn wir den Worten der Darsteller zuhören und intensiv daran denken, ist das Thema des Stücks zu groß und zu schwierig, um in einer begrenzten Zeit urteilen zu können... Deshalb soll die Auseinandersetzung auf der Bühne, also die Diskussion, durch Intelligenz gekräftigt werden, um sich den Hassgefühlen und den dadurch entstehenden Zwisten und Gewalttätigkeiten entgegenzusetzen."

Um das zu realisieren, also um die Worte der Darsteller klar in die Seele der Zuschauer kommen zu lassen, hat Mori die Bühne möglichst simpel und abstrakt gebaut und die Saalbeleuchtung während der Aufführung zeitweise absichtlich heller gemacht. Somit wurden die Zuschauer nicht allein nur Zuschauende, sondern Betroffene und Mitdenkende.

Was das Stück in Japan erreicht hat, ist in dem Review eines Zuschauers zu erkennen. Ich zitiere daraus einen Auszug:

"Die Meinungen von ungefähr 700 Zuschauern wurden entzweit. Das war für mich eine Gelegenheit, Leuten zu begegnen, die eine andere Meinung haben. Das Internet ist wunderbar. Aber es ist schwer, dort fremde Sachen zu finden. Man glaubt, dass man im Meer des Internets fremde Leute kennenlernt. Aber in Wirklichkeit scheint mir, man begegnet nur den gleichgesinnten Leuten. SMS beschleunigen das. Wer folgt denn überhaupt absichtlich den Leuten, die ihm unangenehm sind oder eine andere Meinung haben? (Es ist akzeptabel, wenigstens im Internet mit den angenehmen Leuten die Zeit vertreiben zu wollen.) Trotzdem gibt es fremde Leute. Auch unter Leuten, die eine gleiche Aufführung miterlebt haben, gibt es solche, die zwar Gleiches gesehen haben, aber anders denken."

Das Stück TERROR hat in Japan ermöglicht, Andersmeinenden zu begegnen und dies zu akzeptieren.

Shinichi Sakayori, Übersetzer (Japan)


Theater in den Köpfen und Herzen

Die Aufführungen von „Terror“ in der Regie von Burghart Klaußner waren für mich als damaligen Intendanten am Staatsschauspiel Dresden immer ein besonderes Erlebnis. Und zwar wegen der Pause. Nie zuvor habe ich in einer Theaterpause ein Publikum so engagiert miteinander reden, diskutieren, sich erregen und heftig miteinander debattieren hören. Ehepaare, die im leidenschaftlichen, moralisch-juristischen Disput um einen Wein anstanden, Freundesgruppen, die sich gegenseitig zu überzeugen versuchten, einander fremde Menschen, die ihre*n Sitznachbar*in auf die vermeintlich richtige Seite zu holen bemüht waren. Bei der Düsseldorfer Inszenierung von Kurt Josef Schildknecht, die ich nach meinem Wechsel nach Düsseldorf gerne übernahm, bot sich das exakt gleiche Bild. Solche Momente bedeuten mir viel, wenn das Theater etwas in den Köpfen und Herzen der Menschen in Bewegung setzt und sie entflammt, sie zum öffentlichen Nachdenken und Miteinanderreden treibt. „Terror“ vermochte das auf eine selten kostbare Weise.

Wilfried Schulz, Düsseldorfer Schauspielhaus


Wie ich dem „Terror“ begegnet bin

Zum ersten Mal habe ich den Namen Ferdinand von Schirachs im Frühjahr 2016 gehört. Mein Freund Jürgen aus Deutschland hatte mir einen Link des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“ geschickt, in dem die Rede der Staatsanwältin abgedruckt war.

Die Rede spiegelte, zumindest nach meiner Ansicht, die Meinung des Autors wider. Das fand ich so interessant, dass ich bei Amazon das Buch sofort bestellte.

Danach war ich noch mehr davon überzeugt, dass dieses Buch gerade für uns in einem postkommunistischen Land sehr wichtig und aktuell ist. Denn die Achtung des Grundgesetzes und damit der Grundrechte sowie der Gesetzgebung generell ist hier immer noch sehr gefährdet. Das hat sich dann auch bei der Abstimmung gezeigt. Bei der Premiere in Prag 18 Monaten später lautete das Ergebnis 76:24 – eine klare Mehrheit hatte also für „nicht schuldig“ gestimmt. Das zeigte mir eigentlich, dass wir in den letzten 78 Jahren zuerst eines gelernt haben: Dass wir uns mit einer Situation abfinden, um dabei vor allem zu überleben; dass wir ganz pragmatisch handeln, ohne dabei Vorschriften und Gesetze zu respektieren, denn diese wurden ja früher von einer uns verhassten fremden Macht erlassen. Irgendwie ist es schwer, diese Verhaltensmuster wieder abzulegen. Wir sind zwar schon fast 30 Jahre selbständig und leben seither in einem demokratischen Rechtsstaat und dennoch – es steckt immer noch in uns. Vielleicht muss unsere Generation erst aussterben...?

Aber zurück zur Historie der TERROR-Aufführung. Meine Begeisterung ging so weit, dass ich das Drama übersetzte, und dann anfing, die Prager Produzenten zu kontaktieren, um es ihnen anzubieten – wie sauer Bier. Schnell hatte ich verstanden, dass die privaten Theater bei uns – in Deutschland werden sie eher Boulevard-Theater genannt – nicht die richtigen sind. Das Stück ist zu philosophisch, es ist kein Musical ...

Inzwischen habe ich die Übersetzung von der Agentur Dilia vertreten lassen und für deren Webseite eine kurze Synopsis geschrieben - wahrscheinlich nicht ganz schlecht Und dann ging es recht schnell. Zuerst hat sich das Nationaltheater Brno gemeldet, dann auch das Theater ABC in Prag. Und dabei ich darf das Prager Goetheinstitut nicht vergessen: Für all die nette Hilfe - besten Dank!

Heute, zwei Jahre später, wird TERROR in vier tschechischen Theatern immer noch gespielt und ein Ziel wurde erreicht: In der kleinen Tschechischen Republik hat dieses Theaterstück eine für uns äußerst wichtige Diskussion ausgelöst. Und die Art, wie die Diskussion – trotz der oben angesprochenen Verhaltensmuster - geführt wird, zeigt mir, dass wir ein weiteres Stück unserer sowjetisch geprägten Vergangenheit hinter uns gelassen haben und uns dorthin begeben, wohin wir kulturell immer gehört haben: nach Europa.

Es war mir eine Ehre, dabei sein zu dürfen.

Ondrej Sebesta, Übersetzer (Prag)


Überzeugung und Anspruch

Unser Theater muss ein Ort sein, an dem Menschen sich Geschichten erzählen, an dem wir uns im Dialog mit unserem Publikum über unsere Wertvorstellungen, über gesellschaftliche, moralische und ethische Fragen auseinanderzusetzen. Das ist jedenfalls unsere feste Überzeugung und unser Anspruch. Während diese Fragen in den allermeisten Stücken und Inszenierungen im Subtext der Geschichte verhandelt werden, hat Ferdinand von Schirach mit ‚Terror‘ ein Stück geschrieben, in dem dieser Diskurs von der ersten bis zur letzten Minute in brillanten Dialogen und auf höchstem Niveau explizit geführt wird. Das Stück müssen wir unter allen Umständen machen, habe ich schon bei der ersten Lektüre des Textes gedacht, aber wir sind ein Kinder- und Jugendtheater… Mit dem Contra-Kreis-Theater und seinem Direktor Horst Johanning haben wir dann innerhalb weniger Tage den richtigen Partner gefunden und konnten mit der Umsetzung der Bonner ‚Terror‘-Produktion beginnen.

Moritz Seibert, Intendant Junges Theater Bonn (Co-Produzent von TERROR mit dem Contra-Kreis-Theater Bonn)


Quand le théâtre participatif devient diner

C’est à l’invitation de Marc Georges, libraire à «La Maison du Filet», que je me suis rendu à La Perrière en Normandie, pour assister au «dîner de jurés» qu’il avait décidé d’organiser.

Pourquoi ce dîner en pleine forêt normande, dans la région d’Alençon? Tout simplement pour refaire le procès de Lars Koch, les participants au dîner tenant le rôle des jurés, chargés de décider si le pilote est coupable ou non.

Tout d’abord l’apéritif. En professionnel aguerri, Marc nous rappelle la pièce, ses personnages, la confrontation entre la morale et la justice, le fonctionnement des tribunaux d’assises... ce soir le peuple souverain et indépendant va rendre son jugement, autour d’un bon verre et d’une bonne table!

Au menu, en entrée, les jurés font mieux connaissance. Agent immobilier, retraité, ingénieur… un jury populaire représentatif? J’avoue à mes camarades ma courte carrière de pilote dans l’armée de l’air, et bien évidemment mon soutien inconditionnel à Lars Koch. Dans la vraie vie j’aurais été exclu du jury, mes camarades m’ont bien sûr gardé une place à table.

Plat de résistance, place aux argumentations.
- on ne peut tout de même pas reprocher à un homme d’avoir tué 164 personnes pour en sauver 70 000!
- au nom de la morale? Bien sûr que si! La valeur d’une vie ne se quantifie pas, aucun calcul possible, allez donc voir chez Kant…
- mais vous vous empêtrez dans votre morale, vous voyez bien qu’elle permet de rendre l’accusé coupable ou innocent, au choix! Moi je m’appuie sur du solide, la constitution: le pilote a reçu un ordre, il a désobéi, alors qu’en est-il de notre sécurité si tout un chacun se donne le droit «en son âme et conscience» de désobéir à la constitution? Que devient l’Etat qui nous protège?
- non non non, vous n’y êtres pas du tout, vous oubliez qu’il y a des responsables au choix de Lars: je veux parler de sa hiérarchie, inefficace et lâche, qui non seulement rate la seule solution qui s’offrait, évacuer le stade, et ensuite lui laisse faire le «sale boulot» à sa place!

Heureusement, Marc est là pour nous modérer:
- chers amis du calme! Regardons ensemble la constitution allemande: une loi sur la sécurité aérienne avait été mise en place bien avant le 11 septembre, elle permettait aux militaires d’agir dans de telles circonstances, d’abattre en ultime recours un appareil détourné qui menacerait de s’écraser sur une zone habitée ou un site nucléaire. Peu de temps après, cette loi avait été déclarée anticonstitutionnelle et donc retirée. L’intention de l’auteur est aussi de pointer du doigt un vide juridique.

Dessert.

Café, place au vote!

A une courte majorité mon confrère Lars Koch est déclaré non coupable, un vrai soulagement.

Merci à Marc pour l’organisation de son «dîner de jurés»!

Laurent Stavaux, Editions de L’Arche

Das partizipative Theater bittet zu Tisch
Auf Einladung des Buchhändlers Marc Georges, der seiner Leidenschaft in „La Maison du Filet“ nachgeht, fuhr ich in die Normandie, genauer nach La Perrière, um dort am von Marc organisierten Geschworenen-Dinner teilzunehmen.

Ein Geschworenen-Dinner mitten im normannischen Wald, unweit von Alençon hat schon etwas Ungewöhnliches. Und doch bot uns genau diese abgelegene Idylle den idealen Rahmen, um Lars Koch erneut den Prozess zu machen, mit den Dinner-Teilnehmern in der Rolle der Geschworenen, beauftragt, den Piloten frei zu sprechen oder schuldig zu befinden.

Aber zuerst einmal: der Aperitif.

Marc als versierter Gastgeber resümiert für uns noch einmal das Stück, die Positionen seiner Figuren, die Konfrontation von Moral und Justiz, die Funktionsweise eines Schöffengerichts… Letzteres wird heute Abend durch souveräne und unabhängige Vertreter des Volkes sein Urteil bei einem guten Glas Wein und einem inspirierenden Abendessen abgeben.

Während der Vorspeise kommen die Geschworenen ins Gespräch und lernen sich ein wenig besser kennen: Immobilienmakler, Pensionär, Ingenieur … eine repräsentative Jury? Es ist an der Zeit, meinen Mitstreitern meine kurze Karriere als Pilot in der Armee und damit einhergehend natürlich meine bedingungslose Empathie für Lars Koch zu gestehen. Im wahren Leben wäre ich von der Jury ausgeschlossen, hier erwartet mich freilich der Hauptgang.

Zeit für eine argumentative Debatte.
- Man kann es einem Mann nun doch wahrlich nicht zum Vorwurf machen 164 Menschen getötet zu haben, um 70000 zu retten!
- Und was ist mit der Moral? Aber natürlich! Der Wert eines Lebens lässt sich nicht in Ziffern erfassen, keinerlei Kalkül ist möglich, da brauchen Sie nur bei Kant nachzusehen…
- Sie verrennen sich in Ihrer Moral. Sie sehen doch, dass die Moral es letztlich ermöglicht, den Angeklagten schuldig oder frei zu sprechen, ganz nach Gutdünken! Ich brauche da schon etwas Handfesteres: Die Verfassung. Der Pilot hat einen Befehl erhalten und diesen missachtet. Wo kämen wir denn da hin mit unserer Sicherheit, wenn ein jeder es sich zugestehe, im Sinne seines Gewissens zu handeln und so womöglich die Verfassung zu missachten. Was würde dann aus unserem Staatsgerüst werden, das es zur Aufgabe hat uns zu schützen?
- Nein, nein, Sie sind auf dem Holzweg. Sie vergessen, dass es da noch andere Verantwortliche außer Lars gibt. Ich spreche von der Hierarchie, der er obliegt und die ineffizient und feige es nicht nur verpasst, der einzigen Lösung nachzugehen, nämlich das Stadion zu evakuieren, sondern die ihn im Anschluss auch noch die „Drecksarbeit“ für sich machen lässt.
- Glücklicherweise übernimmt Marc die Moderation:
- Freunde, immer mit der Ruhe! Betrachten wir gemeinsam die deutsche Verfassung: Bereits weit vor dem 11. September wurde ein Gesetz zur Sicherheit des Luftraumes erlassen. Laut dieses Gesetzes wurde den Militärs die Möglichkeit zugestanden, in letzter möglicher Handlungsdistanz ein entführtes Flugzeug abzuschießen, sobald dieses Gefahr läuft, über einem Wohngebiet oder einem Atomtestgelände abzustürzen. Nur wenige Zeit später schon wurde dieses Gesetz für verfassungswidrig erklärt und somit zurückgezogen. Die Intention des Autors ist es wahrscheinlich, auch eine juristische Leerstelle aufzuzeigen.
- Nachspeise.

Kaffee und der Moment des Urteils: Mit einer knappen Mehrheit wird mein „Kamerad“ Lars Koch für nicht schuldig erklärt, eine wahre Erleichterung!

Nochmals vielen Dank an Marc für die Organisation dieses Geschworenen-Dinners.

Laurent Stavaux, Editions de L’Arche


A huge row is going on

I’m in a pub in the afternoon drinking. It’s not how I normally spend the afternoon but I’m in London, in Hammersmith, with a group of actors and the director Sean Holmes and we have just done a reading of my translation of Ferdinand von Schirach’s play TERROR in a rehearsal room at Sean’s theatre, the Lyric. It’s a nice convivial gathering. In the vast majority of cases most people involved realise these readings will not lead to a production. This is as far as it goes, so we might as well just enjoy the moment.

However, this moment is rather unusual because nobody really has a clue how the reading went. We had an impromptu system for the staff and young people’s theatre members in the audience to be able to vote – text one stage manager for guilty, text the other one for not guilty – but the rehearsal room is located so deep inside the building the mobile signal didn’t work. A result was announced – it would have been impossible to end with play without one – but this was fake. So the actors talk about how they might have voted if they had a vote.

At this point Pete comes in. He’s the production manager. He’s quite excited: “I’ve just been in the office,” he tells Sean. “There’s a huge row going on.”
“Oh no,” says Sean, “what’s it about?”
“The play.”
“Really?”
“Yeah: is the guy guilty of murder? They keep going on about it. It’s like Brexit all over again.”
“Yeah, but we all agreed about that.”
“Not this time.”
“Wow.”

And at this point it became clear – if the people who work in the theatre are sufficiently engaged by the play’s content to argue about it, then they will want to produce it.

I literally do not know anyone who lives in London and works in the theatre who voted for the UK to leave the EU.

David Tushingham, Übersetzer (London)


TERROR in Mexiko

Ha sido sorprendente lo involucrado y participativo que ha sido el público. Tienden a contestar en voz alta las preguntas, retóricas o no, que hace el juez, la fiscal y el abogado defensor. Pero tal vez el momento más notable fue cuando al final de una función, justo después de que el juez anunció que el veredicto era inocente, una mujer se paró y frito muy fuerte: "Estamos jodidos, no puedo creerlo".

Antonio Vega, Director, México

It has been very surprising how involved and vocal the members of our audience have been. They tend to answer out loud every question, rhetorical or not, made by the judge, the prosecutor and the defense. But perhaps the most remarkable moment was, when at the end of one performance, right after the judge announced that the verdict was innocent, a woman stood up and shouted very loudly: “We are so fucked, I can’t believe it.”

Antonio Vega, Director, México


Worte, die von Herzen kommen

Zu dem Stück: Omri Nitzan, der künstlerische Leiter des Cameri-Theaters, gab mir das Stück "Terror" auf Deutsch zu lesen. Es hat mich tief bewegt und ich konnte nicht aufhören zu lesen. Dieses anspruchsvolle Drama auf die Bühne zu bringen ist nicht leicht. Die gesamte Aufführung findet in einem Gerichtssaal statt, in dem über eine bereits geschehene Tat verhandelt wird. Es sieht aus, ob sich das eigentliche Drama nicht in der Gegenwart abspielte, und der Autor hat nicht gezögert, teilweise seitenlange Monologe einzuflechten. Aber die Klugheit, mit der das Thema angegangen wird, verlieh dem Stück seinen intellektuellen und emotionalen Gehalt, der nicht nur mich, sondern offenbar auch das Publikum sehr berührt. Das Stück kam bereits in Dutzenden Theatern zur Aufführung. Es ist ein Beispiel dafür, dass man eine sozialethische Frage zur Debatte stellen kann, ohne weder in den Klischeesumpf von links oder rechts, liberal oder konservativ noch ins Didaktische oder Militante abzugleiten.

Die Präzision, mit der das Dilemma aufgerollt wird, faszinierte mich. Das ist in meiner Sicht die Aufgabe der Kunst – nicht Tatsachen zu schaffen, sondern Fragen zu stellen. In der Auseinandersetzung mit dem moralischen Dilemma eines Piloten, der auf eigene Faust beschließt, ein entführtes Passagierflugzeug abzuschießen, debattiert der Autor indirekt mit uns über das Wesen der Demokratie und des Rechtssystems. Er macht deutlich, dass wir immer eine Wahl haben und dass es keine absolute Wahrheit gibt. Er demonstriert augenfällig, dass der eigentliche Sinn der Gesetze darin besteht, uns vor uns selbst zu schützen.

Ferdinand von Schirach ist ein bekannter Strafverteidiger und sehr erfolgreicher Schriftsteller. Ich könnte mir denken, dass sein Beruf und sein familiärer Hintergrund ihn bewogen haben, sich in seinen Büchern und Publikationen immer wieder mit dem Schicksal von Menschen und deren Auseinandersetzung mit Recht und Gesetz zu beschäftigen. In einer Rede anlässlich der Eröffnung der Salzburger Festspiele 2017 erklärte von Schirach, warum ein Jurist wie er, der an das Gesetz und nicht nur an die Meinung der Mehrheit glaubt, in seinem Stück das Publikum über den Urteilsspruch entscheiden lässt.

Seine Worte waren für mich ein Anlass, nicht mehr darüber nachzudenken, für welche Seite ich in dem Stück Partei nehme. Von Schirach erzählte, dass die Zuschauer nach der Aufführung im Foyer stehen bleiben und miteinander reden, anstatt gleich zum Essen zu gehen. Sie diskutieren leidenschaftlich über unsere Gesellschaft, unseren Staat, unsere Welt und unsere Zukunft. Dadurch wird die Verfassung in seinen Augen lebendig. Für diesen Zweck schreibt er.

Als ich nach der Aufführung das Publikum betrachtete, wurde mir klar, wie recht der Autor hat. Wenn jeder Zuschauer das Theater mit der Erkenntnis verlässt, dass in dem Moment, in dem es um Menschenleben geht, die Entscheidung niemals absolut und eindeutig ist, ganz gleich, was unsere Wertvorstellungen und unsere Weltanschauungen sind, dann haben wir unser Ziel erreicht. Denn hinter jedem Namen steht ein Mensch und eine Familie und Freunde und eine ganze Welt und all das kann von einem Augenblick zum anderen vernichtet werden. Ich habe das Gefühl, dass ich durch dieses Stück gemeinsam mit den Zuschauern Fragen über das Wesen unserer Existenz in diesem komplexen Land Israel stellen kann. Dass ich für einen Moment innehalten und mit ihnen darüber nachdenken kann, welche Welt wir gestalten möchten.

Zum Aspekt der Schauspieler in der Inszenierung:
Bei der Beschäftigung mit den Akteuren war es mir wichtig herauszufinden, was die private Sicht jedes Einzelnen auf das zugrunde liegende Ereignis ist, abgesehen von der Betrachtungsweise, die ihm durch seine Rolle in der Gerichtsverhandlung auferlegt ist. So habe ich zum Beispiel eine Frau als Richterin gewählt und keinen Mann. Eine Frau in einer männlich geprägten Welt. Ich habe gemeinsam mit dem Kostümbildner und den Schauspielern versucht, jeden der Akteure in ein vorstellbares soziales Umfeld hineinzustellen – er könnte Migrantenhintergrund haben, der gesellschaftlichen Elite angehören, aus einfachen Schichten stammen, bodenständig sein, Mann oder Frau sein etc. Wir sind doch alle von Meinungen beeinflusst, mit denen wir groß geworden sind, von unserem nationalen und genderbestimmten Hintergrund, von unserem sozialen Status. Wir suchen alle nach der absoluten Schwarzweiß-Wahrheit, die nicht existiert. Wir müssen prüfen, bis zu welchem Grade Entscheidungen wirklich die unseren sind und inwieweit sie von Überzeugungen abhängen, die uns geprägt haben. Vielleicht gibt es eine andere Möglichkeit? Einen anderen Weg, an den wir nicht gedacht haben?

Sobald uns klar wird, was die "Verletzung" ist, von der aus jede Figur in dem Stück oder letztlich jeder von uns agiert, können wir zu einer Entscheidung gelangen, anstatt aus der Angst heraus zu handeln, dass wir "keine Wahl haben". Nur so konnten wir die Akteure zum Leben erwecken und die Gerichtsverhandlung emotional aufladen.

Der visuelle Aspekt:
Ich habe gemeinsam mit dem Bühnenbildner Avi Sechvi versucht, den Realismus einer Verhandlung im Gerichtssaal zu erhalten, aber trotzdem mit dem Raum zu spielen. Avi kam mit der Idee, Perspect-Wände mit Spiegeleffekt aufzustellen. Das heißt, der Spiegel wird bei einer bestimmten Beleuchtung transparent, sodass man verfolgen kann, was hinter den Kulissen bzw. hinter dem Gerichtssaal geschieht. Dies ermöglicht beispielsweise intime Situationen, in denen der Angeklagte für einige Augenblicke sozusagen unbeobachtet mit sich allein sein kann.

Darüber hinaus reflektiert der Spiegel das Publikum, das sich selbst sieht, und zwar in seiner wichtigen Rolle als Geschworenengericht, an das sich die Akteure wenden. Itamar Lurie, der für die Beleuchtungs- und Videoarbeit verantwortlich ist, und ich waren bemüht, bestimmte Augenblicke hervorzuheben und andere Momente intimer zu gestalten, ohne die Akteure auf der Bühne in den Schatten zu stellen. Itamar stellte irreale Bilder in die Videosequenzen, die nicht mit dem Geschehen auf der Bühne konkurrieren, sondern es nur begleiten und die innere Welt jedes Akteurs und die emotionalen Hintergründe widerspiegeln, aus denen heraus jede der Personen agiert.

Die Musik:
Ich bat den Musiker Gadi Seri, auch die Stimme des Terroristen in die musikalische Gestaltung einzubringen. Schließlich war er der Anlass dafür, dass wir im Theater sitzen und über die Auseinandersetzung mit dem Terror diskutieren. Gadi spielte mir IS-Musik vor, mit der Enthauptungen begleitet werden – Männerstimmen ohne Instrumente. Der Gesang klingt ruhig und angenehm. Der Text weniger … Das erinnerte uns daran, dass einmal Menschen zu klassischer Musik zu den Gaskammern geführt wurden. Gadi flocht in diese Musik Sequenzen/Variationen mit europäischen Instrumenten ein. Die verschiedenen Instrumente zeigen, dass wir innerlich alle gleich sind und dass wir uns nur durch die Art unterscheiden, wie wir uns ausdrücken. Die "Instrumente", die wir benutzen, mögen noch so verschieden sein, doch letzten Endes sind wir trotz der Unterschiede und Abgrenzungen alle Menschen.

Ich hoffe, dass der Text, den ich für das Programmheft verfasst habe, etwas von der Begeisterung ausdrückt, die mich beim Lesen des Stücks erfasst hat.

Gerade in Israel, wo die komplexe Realität das Rechtswesen und die Rechtsprechung ständig herausfordert, kann dieses Stück dem Publikum mit eindringlicher Klarheit vor Augen führen, was die Essenz von Recht und Demokratie ist – uns vor uns selber zu schützen.
Ich möchte Ihnen auf diese Weise persönlich danken –

Sara von Schwarze, Tel Aviv

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